Ivan Illich hat 1973 ein Buch geschrieben das “Tools for Conviviality” heißt. Auf Deutsch gibt es ihn als “Selbstbegrenzung” – was ich immer für eine schlechte Übersetzung gehalten hab, weil es das Buch irgendwie asketischer klingen lässt als es ist.
Illichs Kerngedanke: Werkzeuge können so gebaut sein, dass sie Menschen befähigen – oder so, dass sie Menschen ersetzen und abhängig machen. Ein Fahrrad ist ein konviviales Werkzeug. Ein Fließband nicht. Das Messer in der Küche ist konvivial. Die Fertigkost-Fabrik nicht.
Was mich daran beschäftigt
Ich arbeite viel mit digitalen Werkzeugen. Als Designerin, als Entwicklerin, als jemand die Websites für andere baut. Und ich merke zunehmend, dass die Frage ob ein CMS konvivial ist – also ob meine Kundin nach dem Projekt tatsächlich selbst mit ihrer Website umgehen kann, oder ob sie für jede Textänderung jemanden anrufen muss – keine technische, sondern eine politische Frage ist.
Strapi kann konvivial sein. WordPress kann es sein. Aber meistens werden sie so konfiguriert, dass der Dienstleister unentbehrlich bleibt.
Die ehrliche Frage
Illich würde fragen: Für wen baust du eigentlich? Die ehrliche Antwort in unserem Bereich ist oft: für die eigene Auftragskontinuität. Das ist kein Vorwurf – ich muss auch essen. Aber ich hab angefangen, Projekte anders zu kalkulieren. Onboarding-Zeit als Leistung, nicht als Bonus. Dokumentation die wirklich für die Nutzerin geschrieben ist, nicht für mich als Gedächtnisstütze.
Das klingt nach Altruismus. Ist es nicht. Kunden die nach einem Projekt selbstständig mit ihren Werkzeugen umgehen können, empfehlen weiter. Kunden die sich abhängig fühlen, werden misstrauisch.
Was das mit dem Umzug zu tun hat
Ich lebe jetzt in der Eifel, in einem Dorf mit 200 Einwohnern. Hier ist es sehr deutlich sichtbar was passiert wenn Werkzeuge nicht konvivial sind: Die Bankfiliale ist weg, also braucht man ein Smartphone. Das Smartphone setzt eine stabile Internetverbindung voraus. Die setzt eine bestimmte Infrastruktur voraus. Die ist nicht flächendeckend da. Also braucht man jemanden der hilft.
Ich bin diese jemand manchmal. Das ist keine schlechte Position, solange man sie nicht ausnutzt.
Illich ist nicht für jeden. Er ist manchmal moralisierend, manchmal zu absolutistisch. Aber als Werkzeug zum Nachdenken über die eigene Arbeit ist er ungeschlagen.