Donna Haraways “A Cyborg Manifesto” wurde 1984 zuerst veröffentlicht. Es ist ein merkwürdiger Text. Teil feministisches Politikpapier, Teil Science-Fiction, Teil Philosophie, und das alles auf eine Weise die ich beim ersten Lesen ungefähr zu 40% verstanden hab.
Beim zweiten Lesen war es mehr. Und das, obwohl – oder weil – ich inzwischen täglich mit KI-Tools arbeite.
Worum es geht (sehr grob)
Haraway argumentiert, dass die traditionellen Dualismen auf denen westliches Denken basiert – Natur/Kultur, Mensch/Maschine, Frau/Mann, Körper/Geist – nicht natürlich gegeben sind, sondern konstruiert. Und dass die Cyborg als Figur, die genau auf diesen Grenzen sitzt, politisch interessant ist: nicht weil sie diese Grenzen aufhebt, sondern weil sie zeigt, dass sie nie stabil waren.
Das klingt abstrakt. Aber ich denk oft daran wenn ich mit einem KI-Assistenten arbeite und mir nicht sicher bin, ob die Idee die gerade entstand “meine” ist oder “seine” oder ob diese Unterscheidung überhaupt noch nützlich ist.
Was mich am meisten beschäftigt
Haraway ist misstrauisch gegenüber Reinheitsnarrativen. Der Versuch, zu einer unberührten, unvermischten Identität zurückzukehren – das “Natürliche”, das “Authentische”, das “Menschliche im Gegensatz zur Maschine” – ist für sie selbst eine politische Konstruktion, oft eine mit reaktionärer Tendenz.
Das bedeutet nicht, dass alle Vermischungen gleich gut sind. Aber es bedeutet, dass die Frage “Ist das noch ich, wenn ich Tools benutze?” keine einfache Antwort hat. Die Frage “Welche Art von Vermischung will ich?” ist vielleicht produktiver.
Warum ich es zweimal lesen musste
Beim ersten Lesen hab ich nach Thesen gesucht. Nach klaren Argumenten. Das ist die falsche Lesestrategie für Haraway – sie schreibt eher wie jemand der denkt als wie jemand der beweist. Das ist unbefriedigend wenn man Gewissheit sucht. Aber hilfreich wenn man Werkzeuge sucht.
Das Manifest gibt mir keine Antworten. Es gibt mir bessere Fragen. Das ist, angesichts dessen was gerade passiert, vielleicht das Wertvollste was ein Text tun kann.
Wer anfangen will: Es gibt eine deutsche Übersetzung, “Ein Manifest für Cyborgs”, in verschiedenen Sammelbänden. Alternativ ist der englische Originaltext frei zugänglich und gar nicht so schwer wenn man akzeptiert, dass man ihn nicht sofort versteht.